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WN-Artikel vom 09.02.14 "Spezielles Angebot für Kinder und Jugendliche nach Todesfall"

Kinder und Jugendliche trauern anders als Erwachsene. Foto: Colourbox
 
Münsterland - Kinder trauern anders als Erwachsene. Sie springen in die Trauer hinein wie in eine Pfütze. Und dann wieder raus. So kann es sein, dass sie im einen Moment fragen: „Wie ist der Papa nochmal gestorben?“ – und ihren Tränen freien Lauf lassen. Im nächsten ist das wieder vorbei. „Erwachsene“, sagt Ursula Hölscher dazu, „trauern kontinuierlicher.“

Von Julia Gottschick
 

Weil das so ist, brauchen Kinder und Jugendliche eine andere Art von Hilfe, wenn sie einen nahestehenden Menschen verloren haben. Vor zwei Jahren haben die Trau­erbegleiterinnen des DRK-Landesverbands darauf reagiert und zwei Gruppen ins Leben gerufen. Eine für Sechs- bis Zwölfjährige mit und ohne Behinderung, die andere für Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren.
 
Seither treffen sich die Teilnehmer aus dem Münsterland je zweimal im Monat. Das Angebot in Zusammenarbeit mit dem DRK-Kreisverband Münster – gefördert durch den Landesverband und die Organisation „Aktion Mensch“ – ist kostenlos. „Die Kinder müssen das selbst wollen“, betont Hölscher. Lisa ist 17 und gut in der Schule. Vor vier Jahren hat sie ihren Vater durch einen Autounfall verloren. Lisa ist tough, nichts scheint sie aus den Schuhen zu hauen. In letzter Zeit jedoch will nichts mehr so recht klappen. Die guten Noten bleiben aus. Bei jeder Gelegenheit kommen Lisa die Tränen. Ein fiktiver Fall, der verdeutlicht: Trauer bricht sich auch nach Jahren noch Bahn. Konzentrationstörungen, Rückschritte in der Entwicklung und schulischen Leistung, Bauch- und Kopfschmerzen sind die Folge: Gerade Kinder reagieren auf Verlust oft psychosomatisch. Ist ein Suizid im Spiel, haben sie mit Alpträumen, mit Schuldgefühlen zu kämpfen. Sorgen sie sich zusätzlich um Eltern und Geschwister, dann wollen sie diese oft nicht mit ihrer eigenen Trauer belasten. Und geben der zu wenig Raum. Diesen finden sie in der DRK-Trauerbegleitung.
 
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Ursula Hölscher. Foto: Jürgen Peperhowe
 
Neun Ehrenamtliche haben Ursula Hölscher und ihre Kollegin Petra Benning dafür ausgebildet. Individuell gehen sie auf die Bedürfnisse ein: Will ein Kind toben, wird es in den Toberaum begleitet. Ist ihm nach Spielen oder Malen, gesellen sich die Ehrenamtlichen dazu. Stets bereit, ein erleichterndes Gespräch zu führen. Die Jugendlichen hingegen tauschen sich eher untereinander aus. In der Gruppe finden sie Gleichgesinnte unter Altersgenossen, die sonst kaum ein Ohr haben für Themen wie Tod und Verlust.
 
Für die „vorbildliche Schulung der Ehrenamtlichen bei einem menschlich schwierigen Thema“ hat das Projekt jüngst den ersten Platz im bundesweiten Wettbewerb „Engagiert im DRK“ erhalten. Dies zog eine Würdigung an höchster Stelle nach sich. So traf Hölscher vor wenigen Tagen auf Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der im Berliner Schloss Bellevue die Wohlfahrtsmarkenserie 2014 „Hänsel und Gretel“ an Bundespräsident Joachim Gauck übergab. Als Schirmherr dankte Gauck Menschen wie Ursula Hölscher für ihr Engagement. Sicher, so etwas motiviert. Doch ist es das Feedback von Seiten der jungen Leute, das Hölscher und Co. nach zwei Jahren noch immer begeistert. So listeten die Mädchen und Jungen kürzlich auf, was ihnen gegen Verzweiflung hilft. „Mein Pferd, mein Vater, der für mich da ist, Musik, gute Freunde“, stand da zu lesen. Und: „Diese Gruppe“. 
 

 Artikel in den Westfälischen Nachrichten, erschienen am 09.02.14